Finale
So, das war er also, der Tag des Fluges und vorerst letzter Aufenthalt in Thailand. Gut, er ist noch nicht ganz vorbei. Nach thailändischer Zeit ist zu dieser Zeit zwar schon Abend, nach (kommender) deutscher Zeit jedoch nicht einmal 4 Uhr nachmittags. Wer nun grob mit meinem Flugplan vertraut ist, kann sich denken, dass ich diese Zeilen über den Wolken schreibe. Und der Weg hierhin war schon einmal nicht einfach.
Zuallererst war der gestrige Tag natürlich seltsam. Ein merkwürdiges Gefühl ein Traum gehe nun zu Ende begleitete mich ja schon einige Tage. Doch nach Fertigstellung - das ist ein bisschen gemogelt - meiner Studienarbeit, als ich nicht mehr so ganz wusste, was ich denn nun tun sollte, spitzte es sich zu. Nach einem Gang durch die Firma, wo ich mich mit viel Bye Bye, Thank You und Winke Winke verabschiedete, fühlte ich mich seltsam leer, ohne dieses schlechte Gewissen, gerade nicht zu arbeiten, am Schreibtisch zu sitzen. Um so mehr freute ich mich über die Erlaubnis des Produktionsdirektor, schon früher nach Hause gehen zu können.
Dort angekommen ruhte ich mich kurz aus und putzte dann mein Zimmer. Obwohl sie es gewiss noch einmal putzen würden, wollte ich einen halbwegs sauberen Eindruck hinterlassen. Ein bisschen Säubern war stellenweise auch bitter nötig, aber da will ich im eigenen Interesse mal nicht ins Detail gehen. Es folgten Telefonate und eine abschließende Einkaufstour, während derer ich allen möglichen Kram kaufte, den ich bis zuletzt hatte warten lassen, z.B. Süßigkeiten und Getränke. Vor dem Family Mart um die Ecke mit seiner Personenwaage vor der Tür kam mir auch die grandiose Idee, meinen dicken Koffer dorthin zu schleppen und zu wiegen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Knapp über 30 Kilo brachte das gute Stück auf die Waage. Falls sie ein Auge zudrückten, konnte ich ihn komplett mitnehmen ohne etwas auszupacken, denn extra Kilos sind ja unheimlich teuer. Und wenn schon - P'Win, der Produktionsdirektor, würde ja am nächsten Tag mit mir zum Flughafen fahren, um kurz vor meiner Maschine Richtung Chiang Mai zu starten. Wir hatten schon abgesprochen, dass ich ihm etwas von meinem Übergepäck geben könnte, falls nötig.
Leider entwickelte sich die Lage am Flughafen dann ungünstig. Zuallererst einmal war ich ja im Vorfeld schon sehr besorgt gewesen, weil er, gewappnet mit thailändischer Lässigkeit, recht spät losfahren wollte. Wegen der nötigen Vorlaufzeit von 90 Minuten für meinen Check-
In konnte ich ihn doch noch eine halbe Stunde runter handeln. Würden wir in einen Stau kommen, bliebe so wenigstens noch eine halbe Stunde bis zum Ablauf der Frist. Für meine Verhältnisse zu wenig.
Um so mehr war ich erfreut, schon zehn Minuten vor der geplanten Abfahrtszeit den Fahren wartend vor meinem Haus vorzufinden. Und desto beunruhigter war ich, als wir trotz der verfrühten Abfahrt von meinem "es war einmal"-Apartment doch eine gute Viertelstunde zu spät bei P'Wins Haus abfuhren. Er hatte an jenem Morgen wohl nicht ganz fit, wofür er natürlich nichts konnte. Dennoch war ich beunruhigt und natürlich sehr aufgeregt.
Wir kamen dann eine gute halbe bis drei viertel Stunde vor Ablauf der Frist am Flughafen an, wo wir uns sogleich, nachdem ich kurz seien Bruder und ihre Eltern begrüßt hatte, trennten und die entsprechenden Schalter aufsuchten. Ich war so glücklich, als der Koffer mit seinen 30,8 Kilo anstandslos akzeptiert wurde. Dann die Frage nach dem Handgepäck. Nein nein, ich habe nur diese kleine, leichte Tüte und meine Tasche. Tasche bitte wiegen. Angst. 15,1. Oooh, no, Sir, can not. 15 kilo! Too much! For hand luggage, 7 to 8 kilos. Not more! Scheiße. Gott sei Dank gab sie mir noch 45 Minuten, um das überflüssige Zeug loszuwerden und mir dann mein Ticket abzuholen.
Also ran ans Telefon, P'Win Bescheid sagen. Was, schon hinter den Kontrollen?! Er sollte doch warten!! Und jetzt??? Panik. Andrew anrufen. Er würde es nicht mehr rechtzeitig, aber hatte eine Idee. Wieso nicht einem anderen Fluggast, der nicht so viel Handgepäck hat, ein paar Kilos überlassen? Gut, also Tasche auf und aussortieren. Die Schwergewichte flogen als erstes raus. Diese sind die beiden großen Packungen Tigerbalsam, die allein schon einiges auf die Waage brachten, und drei Bücher: mein Koran, "Die Energie-Tore des Körpers öffnen" (ein übrigens sehr gutes Qigong-Buch) und ein Wälzer über Computernetzwerke, den ich eigentlich gedacht hatte hier durchzuarbeiten. Nächstes Problem: kaum noch Fluggäste da, weil ich so spät war. Einen, der nur einen kleinen Rucksack hatte, sprach ich an, Reaktion skeptisch, "Was denn für Bücher?". Koran. Alarmglocken schrillen. Was danach kam, war glaub ich egal. Angst. Er sei sich nicht sicher, ob man so etwas ausführen dürfe. Nervosität. Entschuldigung. Weg. Ich gratuliere hiermit unseren Medien und unserer Regierung zur erfolgreichen Konditionierung des durchschnittlichen Bürgers im Kampf gegen den Terror. Und damit mich.
Jetzt meinerseits Panik. Oh nein. P'Win anrufen. Er sei sich nicht sicher, ob wir uns noch treffen könnten, aber er wolle jemanden zum Gate schicken. Wo ist das?! Ab zur Information. Nein nein, das ginge nicht. So etwas ginge nicht. Noch mal P'Win anrufen. Was? Doch, das ginge. Die beiden seien ja schon da. Weg erklären lassen, schneller Blick auf die Uhr, irgendwie viel zu spät. Stress. Vorher noch an einem anderen Check-In-Schalter die Tasche erneut wiegen lassen. Noch knapp über 10. Scheiße. Ooh, so much. The size is okay, but the weight. 8 kilo maximum, Sir. Panik. The size is ok. Kurzer Plausch mit ihrer Kollegin. Akzeptiert. Erleichterung. Ab zum Eingang für Binnenflüge. Würde das klappen? Keiner da. P'Win anrufen. Panik. Ich bin Moslem. Einen Koran kann ich nicht einfach wegschmeißen! Das geht nicht!! Erleichterung: P'Wins Patensohn. Ich blicke skeptisch zu den Sicherheitskräften und reiche ihm einfach die Tüte über die Absperrung. Keine Reaktion. Erleichterung. Jetzt zur Passkontrolle, aber flott.
Dort war ich endlich an der Reihe, immer noch wahnsinnig aufgeregt von den jüngsten Ereignissen. Aber jetzt würde ja alles glatt gehen. Oder? Nein. Unsicherheit bezüglich meines Passes. Ich werde zur Seite gewunken. Was ist los? Mein Visum sei nicht verlängert worden. Ich sei zu lange in Thailand geblieben. Die Höchststrafe: 400 Euro. Ich setze mich vor den Tisch der Frau, die solche Fälle bearbeitet. Alles klar, Höchststrafe. Zahlen mit Karte? Vergiss es. Bar. Kein Bargeld. Panik. Verwirrung. Darf ich zum Geldautomaten? Kein Ding. Ab dafür. So viel hatte ich nicht mehr auf dem Konto, aber die VISA-Karte war ja mit dabei. Gott sei Dank hatte ich auch die PIN für Barabhebungen in der Tasche. Dann doch die EC-Karte benutzt. Sie prüften nach Erfahrung eh nicht die verfügbare Summe, sondern diese ging erst einige Tage später ab und zog das Konto notfalls ins Minus. 20.000 Baht auf der Hand zurück zum Schalter. Vorher kurz wieder mit P'Win telefoniert. Verwunderung. Nein, für sie war das, was die Firma für mich gemacht hat, keine gültige Verlängerung. Aber nach Erhalt der Quittung erstmal ab zum Flugsteig. Auf dem Weg Andrew anrufen und ihm von dem Vorfall erzählen. Verwunderung. Meinerseits: Sorge. 400 Euro hauen als Student ganz schön rein. Er gibt jedoch Entwarnung. Ich solle nach Ankunft die Dokumente scannen und per Email schicken. Wir würden schon eine Lösung finden. Erleichterung.
Nächste Station: Sicherheitscheck. Alles wird durchleuchtet, soweit keine Probleme. Ich werde wieder zur Seite gerufen. Ich soll meine Tasche öffnen. Darin: zwei große Koran-Ausgaben mit wunderbar großer Schrift, sehr angenehm zu lesen und ein ideales Geschenk für die Familie. Die für mich zuständige Frau nimmt entnimmt ein Exemplar und fragt mich, was das sei. Ein Buch. Blöde Frage. Sie ist mit der Antwort zufrieden und legt es wieder rein. Zahnpasta ist im Plastikbeutel, sonst alles fest, auch die Schokolade. Kein Problem. Die kleinen Brausen für neben's Klo - sprich Badezimmer-Accessoires - bewirken ein Stirnrunzeln. Sie sind noch eingepackt. In Deutschland haben wir so etwas nicht, darum wollte ich es unbedingt mitbringen. Ein Lächeln. Gewonnen.
Dann im Wartebereich noch mal aufs Klo. Kabinen besetzt, warten. Der Typ von vorher kommt rein, schaut mich nicht eine Sekunde an. Es ist ihm unangenehm. Ob es ihm peinlich ist, weil er nicht helfen konnte, oder weil er immer noch Angst hatte - ich weiß es nicht. Mir auch egal. Ich kann ihn ja verstehen. Er tut mir leid. Zwischen Flughafen und Flugzeug noch zu Hause Bescheid sagen, dass ich drin bin.
Endlich im Flugzeug. Die Zeit vergeht. Und jetzt? Jetzt sind es keine zwei Stunden mehr bis zur Ankunft, das Wiederauffrischen der Erinnerungen vom heutigen Morgen hat mich wieder total aufgeregt, so dass das Herz schneller schlägt, und ich kann es kaum erwarten, wieder einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen. Heute Abend das wunderbare Essen meiner heiß und innig geliebten Frau zu genießen. Nein, heute kein Ravis. Du kochst so gut. Und noch eine Vielzahl an Dingen wieder genauso wie früher erleben und doch mit ganz neuen Augen sehen. Glücklich darüber sein, dass ich den Tigerbalsam abgeben musste, weil ich ihn als Creme bei der Sicherheitskontrolle wahrscheinlich hätte wegschmeißen müssen. Erleichtert, weil P'Win und Andrew beide zu verschiedenen Zeiten sehr bald nach Deutschland kommen und meine zurückgelassenen Sachen mitbringen, so Gott will. Alles ist gut. Wehe die Bahn hat Verspätung.







